Carmen Hoyer

LYRIK / TEXTE / KOMPOSITIONEN


22 Alte Sorten

Hänschen klein, ging allein
in den Supermarkt hinein,
Maske auf, Korb geholt,
ins Geschäft gesohlt:
Blumenkohl, ganz makellos
mit Tomaten, gleichsam groß,
Fleischkonserv‘: Falsche Mark‘,
kauft er eben "Quark".

Lieb‘ Mama, ich bin da,
ruft der Hans mit Tralala:
Schau mal her, ist nicht fair,
denn dein Geld ist leer.
I-Pad, I-Phon, E-Mobile,
Beamer, Scooter, Streamerdeal;
alles, was dein und mein
Herz so sehr begehrt.

Hans, was fällt dir bloß ein?
Soll das jetzt ein Scherz wohl sein?
Speisen wir jetzt und hier
die Gerät‘ dafür?
Aber Mama, nicht doch, nein!
Hör‘ doch ganz schnell auf zu wein‘!
Kohlkopf weiß, Rispen rot,
war’n im Angebot.

Hansilein, das ist fein,
gleich kommt’s in den Topf hinein.
Deck schon mal ein, den Tisch,
für das Festmahl, frisch.
Doch, was ist das, welch ein Graus,
will nicht garen heut‘ im Haus!
Alles fad, nichts verführt,
riecht, wie unverrührt.

Lieb‘ Mama, schau mal her,
nimm doch einfach Würze mehr:
Pfeffer, Salz, Paprika,
edelsüß und scharf.
Alle Leute wissen schlicht,
dass Geschmack sich rechnet nicht.
Darum gibt’s nährstofflos
das Hybrid-Gemobst.

Hänschen klein, Kinde mein,
wirst doch nicht von Sinnen sein?
Fieberst laut, Sand gebaut,
Zukunft unvertraut:
Was soll’n wir denn auf der Welt,
wenn wir essen nur noch Geld?
Darum fleh‘ ich zu dir,
komm zurück zu mir.

Lieb‘ Mama, ich bin doch
heute wie auch morgen noch
auf der Welt, wie’s gefällt,
Hauptsach‘ ist das Geld.
Willst du das denn nicht versteh’n:
Billig, Geizig, das ist schön,
Überfluss und Verdruss,
jeder mal geh’n muss.

Hänschen klein, lass das sein!
Geht’s in deinen Kopf nicht rein?
Alte Sort‘ statt Hybrid
hält gesund und fit.
Bring den Krimskrams schnell zurück
und versuch‘ erneut dein Glück.
Geh‘ zu fuß, sing‘ ein Lied,
hol‘ ins Haus die Lieb‘.

 

Lieb‘ Mama, ich bin da,
denk‘ an dich, wie’s früher war,
als du noch bukst und brietst.
In der Küche riechts:
Steigt ein Duft die Nas‘ empor,
gleich betörend wie Amor.
Klingelts jetzt an der Tür:
Hoff‘, die Speis‘ verführ‘.


Carmen Hoyer, 28.06.2020


21 Reales paradies

Morgens früh, die Sonne lacht
und blinzelt durch ein Blätterdach,
erweckt ein Glitzern auf dem Glas,
das spiegelt sich im Schlafgemach
und kitzelt auf der Nas‘.

Wach auf, steh auf, es ist schon hell:
Wo sind die Puschen, wo der Hund?
Die Katze maunzt schon vor der Tür,
doch Blütenwäsche leuchtet bunt
und hält gefang’n den Has‘.

Mit einem Ruck, so wird es geh’n,
der Kuschelzone zu entkommen.
Nur Mut und Schwung und Aufersteh’n!
Herrje, noch ganz benommen
ich’s Handy nahm und las.

Die Tür weit auf, die Katz‘ hinaus,
den Hund geschnappt, zur Küch‘ getappt,
den Kühlschrank freudig inspiziert,
die Zipfel von der Wurst gekappt
für’s richt’ge Futtermaß.

Jetzt Wasser für den Tee gebrüht,
das Brötchen in den Ofenschlund,
Teller, Tasse und Besteck,
Butter, Konfitür‘ Holund‘
dazu ein Ziegenkas‘.

Der Blick zum Garten durch das Haus,
da seh‘ ich’s schon: Das Paradies!
Schon wächst die Vorfreud‘ ganz famos
auf‘s Frühstück in der grünen Wies‘,
die noch ein bisschen nass.

Der Tisch gedeckt mit Webekunst
und allem, was die Sinn‘ begehr’n,
inmitten Rosenstrauch und Busch
sich Nussbaumringe jähr’n,
im weichen Teppichgras.

Nun ist’s soweit: Der Brötchenduft
entfleucht dem Ofen und Teein,
gemixt mit Kirscharoma und bekanntem
Apfel, krönt den Garten Eden
nebst Hund und Katz‘ und Spaß.


Doch plötzlich, was zum Teufel noch,
schleicht sich in dies‘ Gemenge?
Es kriecht herbei wie eine Schlange:
Schon riecht’s vom Nachbarfeld recht strenge:
Ich atme stinkend Gas.

Da dreht auf einmal sich der Wind,
die Schwaden schwinden fort.
Die Elli schleckt am Tellerrand,
mein Strolch sitzt lieb und ruhig am Ort
und alles ist zupass.

 
Carmen Hoyer, 18.06.2020


20 Innen & Aussen

Es schreit, es kreischt, es dröhnt, es brüllt.

Es kracht, es knallt, es höhnt, es schilt.
Der Lärm, ein rasend Monoton.
Geräuschepegel, bitt’rer Lohn
für alles, was man Seele nennt
und schmerzlich die Signale trennt.
Im Inner‘n mitgenommen.

Beschallung oben links wie unten,
rechts daneben und auch hinten.
Laster brummen, Busse summen,
Biker tuckern, Autos muckern,
Flieger kollern, Hymer bollern,
Hauptsach‘, Mensch hat was zum Rollern.
Äußerlich ganz unbenommen.

Auf den Straßen, in den Höfen
Kehrmaschinen, Rasenmäher,
an den Grenzen, in den Häfen
Laubverpuster, Abfallleerer,
Martinshorn und Warnsirenen,
Handy’s schnarren, Scooter queren
haaresbreit am ich vorbei.

Nichts wie weg hier, Fahrrad treu,
ab nach Hause, weit nach draußen
in den Forst zu dir und mir:
Atmen, Stille, Zeit und Raum,
Muse für den liebsten Traum,
zweisam schweigend bei einand‘,
Frieden innen und im Land.

  

Carmen Hoyer, 11.06.2020


19 online, Offline

Ein Klick, ein Wisch, die Spannung steigt,

schon leuchtet hell die erste Schrift,
geschwind vier Ziffern eingespeist,
ab rauscht der virtuelle Lift.
Online, offline, weites Band,
wer sind die Modernsten im ganzen Land?

 

Ist’s Facebook oder Instagram,

sind’s Google, Twitter, Alibabe,
die heute zeigen ihr Programm,
vielleicht auch Amazon-Portale?
Online, offline, weites Band,
wer sind die Modernsten im ganzen Land?

 

Mit Spiele-Stores im Internet,

mit Warenhäusern-Kauf-Plattformen,
mit Teleshopping sehr adrett
setzt’s World-Wide-Web ganz neue Normen.
Online, offline, wie’s gefällt,
wer sind die Schönsten auf der Welt?

 

Schon sind’s nicht mehr nur Raritäten,

die schwer erhältlich noch zuvor,
auch Billigmasse an Diäten,
bringts virtuelle Netz hervor.
Online, offline, wie’s gefällt,
wer sind die Schönsten auf der Welt?

 

Zu Haus‘ im Dorf und in der Stadt,

die kleinen Läden stehen leer,
kein Mensch noch einen Blick mehr hat,
fürs finstere Schaufenstermeer.
Online, offline, weites Band,
wer sind die Coolsten im ganzen Land?

 

Ob Würstchen, Mal-Block oder Kuchen,

für jedes einen Pappkarton
aus frisch geerntet dicken Buchen,
versendet prompt mit Porto-Bon.
Online, offline, weites Band,
wer sind die Coolsten im ganzen Land?

 

Ein Virus mischt ganz plötzlich auf,

nicht online, sondern offline pur!
Ein Hoffen keimt im schnellen Lauf
auf Leben in und mit Natur.
Online, offline, wie’s gefällt,
wer sind die Stärksten auf der Welt?

 

Doch nicht zu kleinen Zärtlichkeiten

drängt’s notgebremsten Wirtschaftswahn
mit digitalen Glückseligkeiten,
bis auf Grund läuft der humane Kahn.
Online, offline, wie’s gefällt,
wer sind die Stärksten auf dieser Welt?

 

Carmen Hoyer, 29.05.2020


18 fantasie und wirklichkeit


Es braut sich heuer was zusammen

im großen klaren Glasballon
aus Zitronen-Brause-Tabletten
in Wasser, Öl und vielen Farben
zu fesselnder Fasson.

Zuerst ein Säuseln noch recht leise,
ein Blubbern schwillt ganz sanft nach droben.
Schon kann man sehen reihenweise
die Bläschen-Perlenketten-Reise
ersteigend steil nach oben.

Doch dorten wird bereits gerangelt,
der Aufstieg wird hier bald zur Hatz,
die Reaktion wird immer schneller,
zieht all die Kleinen in den Keller,
manch‘ große Blase platzt.

Jetzt fängt es richtig an zu brodeln,
fast Lava-Lampen-Strömen gleich
beginnt die Wallung nun zu modeln
in rasend schäumend vielen Kugeln
den Sog ins traumhaft‘ Reich.

Es wogt hinauf und stürzt nach unten:
Ist’s Wasser, Brause oder Öl?
Was treibt die Massen zu den bunten
Turbulenzen und den Lunten
in all dem wabernd‘ Gel?

Gefräßig walkt’s im dichten Schaum,
allmählich wird die Suppe trüb‘:
Dahin entschwindet jener Traum.

Zerflossen breit im ganzen Raum

ein milchig‘ Nebel blieb.

Carmen Hoyer, 24.05.2020


17 kokon, kokon

Es ist die Zeit des Sonnenscheins,

des frischen Grüns, der Blütenkerzen:
Hinaus auf‘s Land, in Wald und Flur!
Verdrängt die Sorgen in den Herzen!
Kokon, Kokon.

So fahren sie erwartungsvoll,
geschützt in Blech und Glas und Plast:
Die kleinsten Zellen der Gesellschaft
so toll und frei und ohne Hast.
Kokon, Kokon.

Grad‘ aus, dann rechts und wieder links
gelingt’s, dem Chaos zu entkommen,
schon ist die Autobahn in Sicht,
als Stau ihnen die Vorfreude genommen.
Kokon, Kokon.

Ganz plötzlich ist sie wieder da,

die Wut, die Angst, Melancholie;
seit Monaten schon lahmt das Land,
erstarrt in weiser Lethargie.
Kokon, Kokon.

Warum, weshalb, wieso, woher

kam dieses Virus über sie
und wüted über’n Erdball schwer,
bremst alle aus wie nie.
Kokon, Kokon.

Es hieß doch immer laut und grell:

Viel Wachstum, Wohlstand und noch mehr,
höher, weiter und zwar schnell,
egal, ob Wald und Meere leer.
Kokon, Kokon.

Grenzen dicht, Regale leer,

Konzert und Schule über Netz,
kein Fußballspiel, kein Flugverkehr,
doch Online-Handel um so mehr.
Kokon, Kokon.

Doch schon ruft’s Zweifler auf den Plan,

ob’s wirklich diesen Virus gibt,
der Menschen aus der Lebensbahn
hinauswirft oder nur so wirkt?
Kokon, Kokon.

Masken runter, Masken rauf,

wann zeigt das Virus sein Gesicht
für den, der es verhindert
oder dem, der’s ignoriert?
Kokon, Kokon.

Währenddessen ungeachtet

Pflanz‘ und Tier und Luft und Land
erholen sich ganz unerwartet
von des Menschen schöpfend Hand.
Kokon, Kokon.

Sogar ein paar der Erdenbürger

hoffen still oder zu zweit,
dass manch‘ neue Abstandsregel
doch so bliebe alle Zeit.
Kokon, Kokon.

Indessen sind sie angekommen,

entflieh’n dem faradayschen Käfig
und strömen fast noch wie benommen
in’s Café, doch kleiner zahlenmäßig.
Kokon, Kokon.

Im Friedwald an der großen Eiche

gedenken sie der treuen Ahnen,
die mit ihrem verblich’nem Geiste
zu Liebe und Zusammenhalt mahnen.
Kokon, Kokon.

Dann fahren sie berauscht vom Frühling

mit off’nem Sinn und neuem Mut
zurück zum großen Autobahnring
und warten: Alles wird gut.
Kokon, Kokon.

Carmen Hoyer, 18.05.2020


16 Mein liebster faselbock

Es ist einmal ein Faselbock,
der bockt von früh bis spät,
und wenn er mal zur Ruhe geht,
funkt er mit ander'm Gerät.

Du, mein liebster Faselbock,
was schaust' so traurig drein,
die Hörner und das Faselg'rät
sind eh schon balde mein.

Drum pack den Faselbock ich nun
mit Händen und mit Herz,
an Hörnern und dem Hinterteil
und fasle einen Scherz.

Carmen Hoyer, 14.08.2019


15 Dezember

Blauschwarze Nacht

draußen. Und drinnen
Tannengrün und Lichterglanz.
Roter Wachs, tropfend         
auf ein geöffnetes Buch    
mit wohlig riechenden Lettern.
Papierseiten, bedruckt       
voller verheißungsvoller Noten,  
erklingend in friedlichen Weisen.
Lebkuchenfrauen    
und Schokoladenmänner  
und Wichtelkinder.
Ein Haus mit Ofen.    
Familie.

 

Carmen Hoyer, 22.11.2018


14 November

Taubenblaue Schwere

Am Horizont ein Vanillestreif
Silhouettenhafter Wald
Mit Sonne
Als weißgelber Scheinwerfer
Blattloser Strauch
Ehemals Geborgenheit
Verfallender Schuppen
Leuchtende Ferne
Schattige Ruhe
Vor dem Inferno

Carmen Hoyer, 21.11.2018


13 Endlich

Endlich ist dieser Sommer vorbei.
Wie eine Feuerbrunst walzte die dröhnende Hitze alles Saftige nieder.

Gewitter nur in Form von Krebsgeschwüren.

Erst die Altweiber ließen endlich wieder ein junges Glück mit prächtigem Schleier zu.

 

Mein Haltgriff ein in die Jahre gekommenes Handy.

Du. Du verlorst deine Familie - ich mein Land.

Kunstvoll versuchst du, aus zwei gebrauchten Stühlen

ein bequemes Sofa zu zimmern.

Stur male ich mir aus, dein neuer Hafen zu sein,

in welchem noch immer die Trostlosigkeit der Vorwende ankert.

 

Endlich ist dieser Sommer vorbei.

Ich freue mich auf den Herbst.
Ich freue mich auf dich.

So sehr.

 

Carmen Hoyer, 28.09.2018


12 Die Insel

Du wünschst dir die Insel?

Tu‘ das nicht!
Dich ängstigt die Insel?
Sei froh!
Du beklatschst die vielen Baustellen?
Zügel dich!
Du verfluchst die eine Baustelle?
Sei Glücklich!
Du scheltest mich unbelehrbar?
Liebe mich.

 

Carmen Hoyer, 11.05.2018


11 Wundervolle Gedanken

Wundervolle Gedanken,

mein Sehnen ist dem deinen gleich.

Das Herz fühlt den Weg der Liebe

durch Ödnis und Beliebigkeit.

 

Spiegelungen in allen Farben

tragen uns, dich und mich,

eng umschlungen auf weiten Wellen

vom Heute in das Morgen.

Carmen Hoyer, 10.05.2018


10 Vernetzt

Es war einmal ein Mann,

der hatte g’rad nichts an.
Dann sah er in den Spiegel,
nahm schnell zur Hand den Tiegel
Und hielt davor ihn dann.

Damit die Traumfrau, welche
er vornimmt sich in Bälche
zu treffen ganz manierlich,
angeblich unwillkürlich,
nichts vorher sehen kann.

Er chattet, liest und postet,
kurzzeitlich er auch prostet,
verbringt mit ihr fast jeden Tag
grad so, wie er es gerne mag,
gedanklich als ihr Mann.

Er wählt nun für den großen Tag,
der hoffentlich bald kommen mag,
ein Hemd, die Hose und Jackett,
um auszusehen richtig nett,
im Internet per Tan.

Welch Segen ist dies große Netz;
es liefert alles hier und jetzt.
Nichts muss er außer Haus besorgen,
selbst rote Blumen sind zu borgen.
Erspart bleibt jeder Run.

Doch um die Liebste live zu seh’n,
müsst‘ er nun auf die Straße geh’n.
Bloss wie nochmal um Gottes Wollen?
Sein Schlüssel für die Tür verschollen!
Drum knipst er’s Fernseh’n wieder an.

Carmen Hoyer, 06.04.2018


9 Bedrohter Frieden

Tyrannen wähnen sich oft irrtümlich als Herrscher:

Dabei sind sie nur eine verunglückte Posse der Historie


Herren fühlen sich oft irrtümlich als Könige:

Dabei sind sie nur willenlose Sklaven ihrer Triebe

 

Machos glauben sich oft irrtümlich als Generäle:

Dabei sind sie nur scheiternde Narren ohne Liebe

 

Gläubige dünken sich oft irrtümlich als Propheten:

Dabei sind sie nur blinde Passagiere ohne Papiere


Carmen Hoyer, 04.01.2018


8 Jugend

Die Jugend ist wie ein unbeschriebenes Blatt ihrer inneren Seelen.
Erst im Alter widerspiegeln sich diese in ihrem Äußeren.
Und manchmal ist vor zu viel Äußerem der gute Kern kaum noch sichtbar.
Dann hilft nur lernen, um das wertvolle Innere wieder zu finden.

Carmen Hoyer, 15.10.2017


7 Ich bin still

Ich bin still,

doch voller Bitterkeit mein Herz,
dein inneres Lachen von so weit oben
erschlägt mich wie ein schwerer Stein.

Du bist ruhig,

doch voller Schwermut dein Herz,
meine äußere Leichtigkeit von so weit weg
erdrückt dich wie eine Lawine aus Daunenfedern.

Unserer beider Stärke

ist zugleich unserer beider Schwäche
Himmel und Hölle auf engstem Raum.

Ohne Liebe ein Albtraum.

 

Carmen Hoyer, 18.08.2017


6 Regen

Regen, immer nur Regen,
dieser Sommer weint Blasen auf die Straßen
Keller flutend
Dächer berstend
Bäche strömend
Bäume peitschend

Bilder, immer wieder Bilder
virtuell pompös
real verwirrend
mal zuckersüß und verführerisch
dann alles gallisch bitter ätzend

Im Herzen immer nur du
die Gedanken schreien durcheinander
manche paradiesisch
andere fratzenhaft
im Augenblick zärtlich
Sekunden später höllisch

Auf einmal legt sich der Sturm
Das Wasser fließt friedlich
die Sonne lacht am Horizont
die Liebe bleibt

Carmen Hoyer, 24.07.2017


5 Bär und Kasperine - Komödie in vier akten

1. Akt - Küche:
Bär: "Nein, ICH will mit dir!"
Kasperine: "Nein, ICH will mit dir!"

2. Akt - Himmel-Hoch-Bett:
Bär - oben: Siehst du - ein Meter zehn Sprungkraft aus dem Stand!"
Kasperine - unten: "Wow!"

3. Akt - Himmel-Hoch-Bett:
Kasperine: Auf der heran geschleppten Leiter endlich oben.
Bär: Weg, verschwunden.

4. Akt - Küche:
Kasperine - in der Tür stehend: "Wieso bist du denn schon wieder unten?"
Bär - auf dem Küchenstuhl thronend: "Kennen wir uns?"

Und wenn sie nicht gestorben sind, so üben sie noch heute…

Carmen Hoyer, Januar 2016


4 Du Frierst

Du frierst.
Mit Flüssigprozenten versuchst du,
dich aufzutauen.
Meine Wärme macht dich lebhaft,
aber noch bist du nicht sicher,
ob du das Feuer zähmen kannst.
Aus Ungewissheit möchtest du es manchmal löschen.

Ich glühe.
Mit Theater versuche ich
herunterzufahren.
Deine Kühle gibt mir Gelassenheit,
aber noch überwiegt die Angst,
vielleicht in Kälte zu erstarren.
Aus Unsicherheit möchte ich manchmal entkommen.

Humor zaubert Lichter aus den Steinen im Weg.
Zweimal über fünfzig machen ihn spannend
und überhaupt erst begehbar.
Froh, dass du ihn mir zeigst.

Carmen Hoyer, 05.12.2015


3 ARCHIBALD oder „Denn ganz oben ist der Appetit besonders groß“

Und hier ist Archibald mit der kleinen weißen Blume, der beschlossen hat,

sein Glück selbst in die Hand zu nehmen.
Der Enge und Dunkelheit seiner Behausung, die eher einem Erdloch ähnelt, will er den Rücken kehren, um den höchstmöglichen Platz an der Sonne zu erklimmen, wovon er schon immer geträumt hat.

Zwar ist es unter seinesgleichen immer wohlig und kuschelig, aber die Mahnungen seiner hoppelnden Brüder und Schwestern, nur zusammen seien sie den räuberischen Angriffen aus heiterem Himmel gewachsen, dröhnen inzwischen tinnitusartig in seinen langen Ohren.

Da er sehr gut springen kann und um die eine oder andere Klippe einen kurzen Haken schlägt, kommt er zunächst ganz gut voran. Doch je höher er aufsteigt, desto mehr Skelettteile behindern seinen Weg. Aber endlich ist er ganz oben bei ihnen:

Den Majestäten mit dem Privileg, sich fast ausschließlich fliegend fortzubewegen,
den Mächtigen, deren scharfem Blick kein einziges Hasenherz entgeht!
Erschöpft, jedoch voller Begeisterung ob der grandiosen Aussicht erfragt er bei den gefiederten Königen der Lüfte, was es denn Essbares bei ihnen gäbe -
denn ganz oben ist der Appetit besonders groß!

Carmen Hoyer, 25.02.2015, vertont als Hörspielfabel


2 Bruno oder Die Gerissensten sind auch am Tage grau

Und wieder wurde eine gefunden,

sorgfältig ausgeweidet, in spärlichem Lampenlicht liegend,
als Symbol machtloser Unterlegenheit,
früher vielleicht einmal, was man als scharfes kleines Mäuschen benannt hätte?
Doch vom Täter wie immer keine Spur.

Herausberstendes Polstergewölle,
tiefe Kratzspuren auf allen Möbeln als Zeichen der Verachtung zivilisierten Verhaltens,
abgetrennte Körperteile,
früher vielleicht einmal, was man als flotten Nachtschwärmer bezeichnet hätte?

Zwei gelbe Lichtblitze, anschließend abermals Finsternis.
In der Nachbarschaft wieder und wieder
geraubt, gestohlen, gemordet.
Da plötzlich taucht er auf:
In elegantem Grau, mit geschmeidigem Gang, dem charismatischen Blick,
auf leisen Ledersohlen und der Dreistigkeit, einen echten Pelz zu tragen.

Und so betört und beschwichtigt er die erhitzten Gemüter.
Und wie immer sind schließlich wieder alle von ihm begeistert:
Bruno, der Starke,
vom Geschlecht der Britisch Kurzhaar -
denn die Gerissensten sind auch am Tage grau!

Carmen Hoyer, 15.02.2015, vertont als Hörspielfabel


1 In den Sommer

In den Sommer fliegen wir,

fliegen wir fort von hier.
In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir von mir zu dir:

Über Hügel, Auen, Wiesen, Felder,
grünes, weites Land,
in den Dünen vor dem Meer
landen wir im weichen Sand.

In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir fort von hier.
In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir von mir zu dir:

Über Flüsse, Täler, Städte, Dörfer,
gleiten mit dem Fön,
zwischen Edelweiß und Tann‘
landen wir auf Berges Höh’n.

In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir fort von hier.
In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir von mir zu dir:

Bist du heut’ auch hinter’m Horizont
und findest dort dein Glück,
so denk‘ ich noch gern an dich
doch flieg‘ ich zu mir zurück.

Carmen Hoyer, Februar 2014, vertont als Lied