Carmen Hoyer

TEXTE / LYRIK / KOMPOSITIONEN


46 September

Kühler am Morgen.
Weicher das Licht.
Glitzernde Wiese.
Weiter die Sicht.

Letztmalig Hitze
mit verwüstendem Brand
und Hoffen auf Regen
für Seele und Land.

Sehnsuchtsvolle Blicke

aus dem Zug auf Schienen

zu jenem in den Lüften 

als Vogelschwarm gen Süden. 

Carmen Hoyer, 25.09.2020


45 Bär und kasperine II - Lustige Tragödie in fünf Akten

1. Akt: Im Cafégarten

Kasperine: Am kleinen Tisch vergnügt mit einem Cappuccino sitzend

Bär: GROSSER AUFTRITT mit mürrischem Blick schnurstracks auf die andere Ecke zusteuernd

2. Akt: Im Cafégarten

Kasperine, entzückt über das unerwartete Wiedersehen fragend:

„Bist du alleine?“

Bär, unwirsch antwortend: „Ja, aber nicht mehr lange.“


3. Akt: Im Cafégarten

Kasperine, sich vorsichtig vom Stuhl erhebend, die andere Ecke im Visier:

„Darf ich mich zu dir setzen?“

Bär, auffallend erregt blubbernd:

„Nein, nein, nein, nein.“

4. Akt: Im Cafégarten

Kasperine, traurig drein lächelnd:

„Wir sehen uns bestimmt ein andermal wieder“

Bär, ganz zappelig nuschelnd:

„Ja, ja, ja, ja.“

5. Akt: Im Café

Kasperine, „Für kleine Mädchen“, anschließend noch einmal verstohlen in den Cafégarten lukend:

Bär: Weg, verschwunden. 

Und wenn sie nicht gestorben sind, so üben sie noch heute.


Carmen Hoyer, 22.09.2020


44 Magische Brille

Ein Ausflug auf vier Rädern,
statt, wie gewohnt auf zweien,
soll ihre Sinne trösten,
die Alltags Weltschmerz leiden.

Die Sonne leuchtet herrlich,
ein Kleid und off’ne Schuh,
das Auto glänzt heroisch,
die Brille passt dazu.

Den Herrn vom Bahnhof abgeholt,
nun fahr’n sie auf Chausseen
durch brandenburgisch weites Land
nebst Wiesen und Alleen.

Ein Dörfchen hier und dort ein Ort,
dem folgen viele Felder
mit Mais, soweit das Auge reicht
und auch danach noch weiter.

Jetzt naht ein Forst in Ebenmaß,
das Holz in Reih‘ und Glied,
doch durch das grüne Frontscheib’glas
es wie ein Wald aussieht.

Und nochmal Mais, Forst, Ackerland,
dann ist das Ziel in Sicht:
Der Carlsburg hüg’lig Bergeshöh‘
verlockt zum Wildgericht.

Genuss für Gaumen, Nas‘ und Aug‘
in alter Tradition,
Spazieren hin zum Wasserrad
in Cöthener Mission.

Am Abend folgt das Resümeé
nach weit’rer Kaffeefahrt:
Ein wahrer Ort voller Magie
lebt, wo Natur bewahrt.

Carmen Hoyer, 13.09.2020


43 Steinreich

Samtiges Bordeaux der Rosenblüten,
feuriges Karmin der Gerbera zwischen schwarzem Auge und orangen Blütenspitzen,
fedriges Lila der kleinen Asternsterne,
gebunden in dunklem Blattgrün.

Gerettet vor Trostlosigkeit

in Plastikfolie und wasserlosen Eimern,

vor hurenhafter Anbietung im Eingangsbereich,

als Kaufstimulator für die Kundschaft.

Die Dagebliebenen verdammt
zum welkenden Wegwerfprodukt,
achtlos der Mühen des Erblühens,

ignoriert der Wert des Hegens.

 

Statt Blumen immer mehr Schotter,

wie in den Gärten so in den Herzen:

Kalte Fassaden vor heißer Luft,

steinreicher Globus vor blühender Erde.

Carmen Hoyer, 08.09.2020


42 Haiku 14

Graue Wolkenkissen vor eisblauer Ferne
Zwei Flugenten nach dort, ein Schwarm Stieglitze nach hier
Der Haustiger schleckt sich genüsslich das Fell.

Carmen Hoyer, 07.09.2020


41 haiku 13

Freundliches Himmelsblau und zärtliches Sonnengelb
Kühle Luft verkündet den Vorherbst
Die Hauskatze tollt fröhlich durch den Garten.

Carmen Hoyer, 06.09.2020


40 Haiku 12

Offenes Fenster mit spärlichem Morgenlicht
Der Vorgarten überschirmt vom prächtigen Blätterdach
Das pralle Rauschen des Regens mit Meise, leise, aufgeregt.

Carmen Hoyer, 05.09.2020


39 Haiku 11

Grauverhangen bis zum milchigen Horizont
Schimmernde Perlen in den Kiefernnadeln
Kleine Wasserlachen vor dem Gedöns der Straße.

Carmen Hoyer, 04.09.2020


38 Haiku 10

Wolkenloser Himmel mit pastelligem Horizont
Kiefer und Erlen erhaben in dunklem Grün
Ein Stieglitz grüßt zwitschern von oben.

Carmen Hoyer, 03.09.2020


37 Haiku 9

Der blaue Himmel mit weißer Zuckerwatte
Auf Tisch und Stuhl ein wässriges Tropfenmuster
Unterm Nussbaum das Kuscheln des Rasenteppichs.

Carmen Hoyer, 02.09.2020


36 haiku 8

Gardinen aus Regen vor dem Fenster
Trommelnde Tropfen auf der Terrasse
Platzende Blasen und spiegelnde Blätter.

Carmen Hoyer, 01.09.2020


35 haiku 7

Die Finger der Kastanien winken freundlich herüber
Das Sonnenlicht schleicht sich zwinkernd hindurch
Das Rauschen der Menschen Fahrt verrauscht mit dem Wind.

Carmen Hoyer 31.08.2020


34 Haiku 6

Tiefe Luft von den letzten Kastanienbäumen
Meise und Taube zärtlich im Geäst
In der Ferne fremde Geschäftigkeit.

Carmen Hoyer, 30.08.2020


33 Haiku 5

Regloses Blätterdach im weichen Licht
Zwei Krähen im Duett
Kauz und Sperling irgendwo vereinzelt.

Carmen Hoyer, 29.08.2020


32 Haiku 4

Windstilles Morgengrauen
Das einsame Krächzen einer Krähe
Wird vom heranrauschenden Automobil verschluckt.

Carmen Hoyer, 28.08.2020


31 Haiku 3

Im Spiegel das Wogen des grünen Blätterkleids
Durch das offene Fenster das Rauschen des Windes
Zwischen dem flirrenden Grün das neue Morgenlicht.

Carmen Hoyer, 27.08.2020


30 Haiku 2

Der Morgen erwacht
Die Kettensäge schwingt in brünstigem Bariton
Der Wind und die Straße bilden den Klangteppich.

Carmen Hoyer, 26.08.2020


29 Haiku 1

Der Wind rauscht durch die Blätter
Ganz leise erst, dann lauter
Dahinter zischt wabernd die ferne Trasse.

Carmen Hoyer, 26.08.2020


28 Schildower Gärten

Der Traum vom Haus im grünen Land
mit Auto, Kind und Hund,
fernab vom ew‘gen Großstadtgrau
ist jedermann bekannt.

Wo Schrebergärten einst zu seh‘n
mit Blumen, Obstbaum, Wiese,
soll’n nun die Traumhäuser entsteh’n,
beschließt der Rat, der hiesige.

Schon weicht das Grün dem schnellen Schnitt.
Die Kettensäge kreischt,
der Bagger brummt und räumt den Rest
von Blatt und totem Holz.

Und eins, zwei, drei, die Straße kommt
mit Strom und Wasser quer,
Die ersten Fundamente dort
und hier der Wände vier,

das Dach, der Zaun noch nagelneu.
Nun wächst gleich nebenan
für Vater, Mutter und auch Kind
ein Domizil heran.

Mit Pflasterstein und Schotterung
gelingt die Perfektion:
Kein Maulwurf, noch ein Löwenzahn
durchdringt die Landschaft nun.

So glitzert jetzt statt paradiesisch Grün
im Mühlenbecker Land
ein schickes weißes Häusermeer,
doch ohne Badestrand.

Carmen Hoyer, 25.08.2020


27 URGESTEIN

Sollten wir stark sein
oder dürfen wir schwächeln?
Dürfen wir weilen
oder sollten wir eilen?
Der Wald wird uns heilen.

Sollten wir klein erschein'n
oder dürfen wir groß sein?
Dürfen wir lieben
oder sollten wir hassen?
Der Berg wird uns lassen.

Sollten wir uns ängstigen
oder dürfen wir uns ermutigen?
Sollten wir zweifeln
oder dürfen wir vertrauen?
Der Mond wird uns erbauen.

Sollten wir hadern
oder dürfen wir wagen?
Sollten wir ignorieren
oder dürfen wir hinterfragen?
Die Erde wird es uns sagen.

Dürfen wir träumen
oder sollten wir nichts verpassen?
Sollten wir verzichten
oder dürfen wir auch naschen?
Das Schermützel* wird uns überraschen.

 

Sollten wir wissen
oder dürfen wir fühlen?
Sollten wir harren
oder dürfen wir gestalten?
Irgend' Urgestein wird immer walten.


*Schermützel: großmütiges Fabelwesen im Schermützelsee

Carmen Hoyer, 24.07.2020


26 WEITSICHTBLICK

Ein Hiesiger empfiehlt mir,
beim Plausch im Schlosspark Buckow,
den Weitsichtblick von oben,
die Märkisch' Schweiz als Motto.

Bei Dahmsdorf, meint er freudig,
hätt' Pferde er zu steh'n,
vor allem seine Weißen

liebt er gern anzuseh'n.

Daneben noch ein Stückchen
läg' unweit gleich die Stell',

die staunen würd' mich lassen,
zur Aussicht vom Rondell.

So ist erweckt die Neugier.

Die Landschaft und die Seen
erkund' ich mit dem Fahrrad
bis zu der Hügel Höh'n.

Zunächst tritt es sich fröhlich
und leicht in die Pedal'n.
Waldsieversdorf im Rücken,
das Wetter für Sandal'n.

Doch kaum erscheint das Ortsschild
vom Nachbardorf im Blick,
schon stuckert's derart heftig,
dass Sehnsucht schreit: Zurück!

Nicht Stuckern, Scheppern, Poltern
alleine verdriest's Gemüt,
die Straße windet's aufwärts:
Wer weiß, was mir noch blüht?

Jetzt gibt's nur noch den ersten
von derer Gänge sieben,
der Schweiß mir auf der Stirn steht,
nun hilft nur noch das Schieben.

Und endlich wird es leiser,
das Kopfsteinpflaster weicht.
Doch, was ist das? Ich sinke:
Ein Sandweg, hell und seicht.

Da plötzlich spür' ich Hoffnung.
Am Horizont ein Zeichen:
Die weißen Pferde leuchten,
mein' Trübsal zu verscheuchen.

Nur ein paar Schritte höher:
Hier tut sich auf der Blick
mit ringsum neuen Hügeln -
fahr' weiter! Welch ein Glück!

Carmen Hoyer, 23.07.2020


25 ZEHN-STERNE-HOTEL

Sonnenkitzel auf der Nas'
als Weckruf solitär,
recken, strecken wie ein Bass
im Riesenbett für längs und quer:
Ein Luxusstern hier, bitte sehr.

Sauerstoff und frisch' Natur

nur einen Türschlag weit.
Musik stets live und only pur
mit Vogelstimmenherrlichkeit:
Gibt's Sterne gleich zu zweit.

Im Anschluss dann, vor'm Duschen nass,

die erste Wellness, ohne Scherz!
Mit Barfußlaufen durch das Gras,
massiert die Sohlen, so das Herz:
Folgt vierter Stern zur Terz.

Der Rücken ist nun dran, herje,
die Schaukel hängt bereit,
was tut der immer, ach, so weh,
jetzt schwingt der Körper eng und weit:
Fünf Sterne auf die Seit'.

Das Frühstück gibt's in der Idyll',
Terrasse unter'm Apfelbaum,
daneben Rosenblütenfüll',
hier sitzt's sich wie in einem Traum:
Sechs Sterne! Hoch den Daum'n!

Mit Mirabellen und Tomaten,
Zucchinis, Kräutern, später Nüssen,
gibt's gratis eig'ne Biosorten,
die jeden Gaumen zärtlich küssen:
Stern Sieben ist zu hissen!

Für Geigerin ist's oftmals schwer,
Quartier für'n Urlaub ordern.
Der Töne Krach verprellt zu sehr,
doch hier kann Violine lodern:
Acht Sterne sind zu fordern!

Und wiederum, wenn aus das Lied,
das Instrument entlasten,
es Urlauberin zum Fahrrad zieht,
um nicht nur geistig nicht zu rasten:
Neun Sterne sind im Kasten!

Am Ende, wenn sie froh und matt,
ihr Woch'werk schaut zufrieden,
die Seele ruhig, der Körper satt,
so wär' sie doch noch gern geblieben:
Zehn Sterne für die Lieben,

die einluden zu solch' Genies
in ihren kleinen Bungala,
zu wohnen ganz ohne Verdries,
wie einst die Kön'gin von Saba:
Im Zehn-Sterne-Paradies.

Carmen Hoyer, 21.07.2020


24 SOMMERABEND

Ein Stuhl - ein weiches Kissen,
ein Gläschen Wein - die Bank für's Bein,
ein blauer Stift - ein Blatt Papier,
unter'm Caport - hinter'm Spalier.

Ein Brummen - ein Summen,
ein Schackern - ein Zwitschern,
ein Säuseln - ein Rauschen,
jed's einzeln zu erlauschen.

Dort steh'n sie - die Alten,
skurrile Gestalten
voll bunter Apfelwangen
ganz üppig behangen:

In Gemeinschaft - noch erhalten,
trotzend den Gewalten,
Stille bewendend,
Ruhe verspendend.

Der Himmel - dort oben,
die Sonne - zum Loben.
Azurblau - schier betörend,
Warmlicht - sanft errötend.

Die Kühle kriecht herbei,
der Wein schmeckt einerlei,
ein Zug verrauscht in der Ferne,
bald leuchten nur noch die Sterne.

Carmen Hoyer, 20.07.2020


23 SCHWÜLE

Drückende Schwüle über der Streuobstwiese:
Das saftige Grün in Baum und Gras beruhigt trotz hitziger Lüfte.
Gegenüber der knorrigen Apfelgehölze ein Scherenzaun aus Holz,
durch den die goldenen Blumensterne auf langen Stielen willkommen heißen.

Drückende Schwüle über der Streuobstwiese:
Kaffeezeit bei Freunden mit freudigem Wiederseh'n zwischen Rosenblüten im Garten.
Ja, es geht allen gut, ganz augenscheinlich, auch,

wenn in der Ferne bereits ein dumpfes Grollen zu hören ist.
Aber es scheint doch noch sehr weit entfernt und vielleicht würde man gar nicht nass.

Drückende Schwüle über der Streuobstwiese:
Während der Himmel sich zunehmend verdunkelt, verabschiedet man sich hoffnungsvoll.
Doch schon beim ersten Rundenkreisen überrascht der Regen die Davonfahrenden,

so er den Dagebliebenen noch eine kurze Frist im Trockenen vergönnt.

Drückende Schwüle über der Streuobstwiese:
Ein frischer Wind zieht auf und meint die Blätter freundlich säuseln.

Dann kracht's und poltert's, Blitz und Donner!
Der Himmel öffnet die Schleusen, weint ein Meer von Tränen und spült hinweg allen Kummer.
Die Natur atmet auf.

Carmen Hoyer, 19.07.2020


22 Alte Sorten

Hänschen klein, ging allein
in den Supermarkt hinein,
Maske auf, Korb geholt,
ins Geschäft gesohlt:
Blumenkohl, ganz makellos
mit Tomaten, gleichsam groß,
Fleischkonserv‘: Falsche Mark‘,
kauft er eben "Quark".

Lieb‘ Mama, ich bin da,
ruft der Hans mit Tralala:
Schau mal her, ist nicht fair,
denn dein Geld ist leer.
I-Pad, I-Phon, E-Mobile,
Beamer, Scooter, Streamerdeal;
alles, was dein und mein
Herz so sehr begehrt.

Hans, was fällt dir bloß ein?
Soll das jetzt ein Scherz wohl sein?
Speisen wir jetzt und hier
die Gerät‘ dafür?
Aber Mama, nicht doch, nein!
Hör‘ doch ganz schnell auf zu wein‘!
Kohlkopf weiß, Rispen rot,
war’n im Angebot.

Hansilein, das ist fein,
gleich kommt’s in den Topf hinein.
Deck schon mal ein, den Tisch,
für das Festmahl, frisch.
Doch, was ist das, welch ein Graus,
will nicht garen heut‘ im Haus!
Alles fad, nichts verführt,
riecht, wie unverrührt.

Lieb‘ Mama, schau mal her,
nimm doch einfach Würze mehr:
Pfeffer, Salz, Paprika,
edelsüß und scharf.
Alle Leute wissen schlicht,
dass Geschmack sich rechnet nicht.
Darum gibt’s nährstofflos
das Hybrid-Gemobst.

Hänschen klein, Kinde mein,
wirst doch nicht von Sinnen sein?
Fieberst laut, Sand gebaut,
Zukunft unvertraut:
Was soll’n wir denn auf der Welt,
wenn wir essen nur noch Geld?
Darum fleh‘ ich zu dir,
komm zurück zu mir.

Lieb‘ Mama, ich bin doch
heute wie auch morgen noch
auf der Welt, wie’s gefällt,
Hauptsach‘ ist das Geld.
Willst du das denn nicht versteh’n:
Billig, Geizig, das ist schön,
Überfluss und Verdruss,
jeder mal geh’n muss.

Hänschen klein, lass das sein!
Geht’s in deinen Kopf nicht rein?
Alte Sort‘ statt Hybrid
hält gesund und fit.
Bring den Krimskrams schnell zurück
und versuch‘ erneut dein Glück.
Geh‘ zu fuß, sing‘ ein Lied,
hol‘ ins Haus die Lieb‘.

 

Lieb‘ Mama, ich bin da,
denk‘ an dich, wie’s früher war,
als du noch bukst und brietst.
In der Küche riechts:
Steigt ein Duft die Nas‘ empor,
gleich betörend wie Amor.
Klingelts jetzt an der Tür:
Hoff‘, die Speis‘ verführ‘.


Carmen Hoyer, 28.06.2020


21 Reales paradies

Morgens früh, die Sonne lacht
und blinzelt durch ein Blätterdach,
erweckt ein Glitzern auf dem Glas,
das spiegelt sich im Schlafgemach
und kitzelt auf der Nas‘.

Wach auf, steh auf, es ist schon hell:
Wo sind die Puschen, wo der Hund?
Die Katze maunzt schon vor der Tür,
doch Blütenwäsche leuchtet bunt
und hält gefang’n den Has‘.

Mit einem Ruck, so wird es geh’n,
der Kuschelzone zu entkommen.
Nur Mut und Schwung und Aufersteh’n!
Herje, noch ganz benommen
ich’s Handy nahm und las.

Die Tür weit auf, die Katz‘ hinaus,
den Hund geschnappt, zur Küch‘ getappt,
den Kühlschrank freudig inspiziert,
die Zipfel von der Wurst gekappt
für’s richt’ge Futtermaß.

Jetzt Wasser für den Tee gebrüht,
das Brötchen in den Ofenschlund,
Teller, Tasse und Besteck,
Butter, Konfitür‘ Holund‘
dazu ein Ziegenkas‘.

Der Blick zum Garten durch das Haus,
da seh‘ ich’s schon: Das Paradies!
Schon wächst die Vorfreud‘ ganz famos
auf‘s Frühstück in der grünen Wies‘,
die noch ein bisschen nass.

Der Tisch gedeckt mit Webekunst
und allem, was die Sinn‘ begehr’n,
inmitten Rosenstrauch und Busch
sich Nussbaumringe jähr’n,
im weichen Teppichgras.

Nun ist’s soweit: Der Brötchenduft
entfleucht dem Ofen und Teein,
gemixt mit Kirscharoma und bekanntem
Apfel, krönt den Garten Eden
nebst Hund und Katz‘ und Spaß.


Doch plötzlich, was zum Teufel noch,
schleicht sich in dies‘ Gemenge?
Es kriecht herbei wie eine Schlange:
Schon riecht’s vom Nachbarfeld recht strenge:
Ich atme stinkend Gas.

Da dreht auf einmal sich der Wind,
die Schwaden schwinden fort.
Die Elli schleckt am Tellerrand,
mein Strolch sitzt lieb und ruhig am Ort
und alles ist zupass.

 
Carmen Hoyer, 18.06.2020


20 Innen & Aussen

Es schreit, es kreischt, es dröhnt, es brüllt.

Es kracht, es knallt, es höhnt, es schilt.
Der Lärm, ein rasend Monoton.
Geräuschepegel, bitt’rer Lohn
für alles, was man Seele nennt
und schmerzlich die Signale trennt.
Im Inner‘n mitgenommen.

Beschallung oben links wie unten,
rechts daneben und auch hinten.
Laster brummen, Busse summen,
Biker tuckern, Autos muckern,
Flieger kollern, Hymer bollern,
Hauptsach‘, Mensch hat was zum Rollern.
Äußerlich ganz unbenommen.

Auf den Straßen, in den Höfen
Kehrmaschinen, Rasenmäher,
an den Grenzen, in den Häfen
Laubverpuster, Abfallleerer,
Martinshorn und Warnsirenen,
Handy’s schnarren, Scooter queren
haaresbreit am ich vorbei.

Nichts wie weg hier, Fahrrad treu,
ab nach Hause, weit nach draußen
in den Forst zu dir und mir:
Atmen, Stille, Zeit und Raum,
Muse für den liebsten Traum,
zweisam schweigend bei einand‘,
Frieden innen und im Land.

  

Carmen Hoyer, 11.06.2020


19 online, Offline

Ein Klick, ein Wisch, die Spannung steigt,

schon leuchtet hell die erste Schrift,
geschwind vier Ziffern eingespeist,
ab rauscht der virtuelle Lift.
Online, offline, weites Band,
wer sind die Modernsten im ganzen Land?

 

Ist’s Facebook oder Instagram,

sind’s Google, Twitter, Alibabe,
die heute zeigen ihr Programm,
vielleicht auch Amazon-Portale?
Online, offline, weites Band,
wer sind die Modernsten im ganzen Land?

 

Mit Spiele-Stores im Internet,

mit Warenhäusern-Kauf-Plattformen,
mit Teleshopping sehr adrett
setzt’s World-Wide-Web ganz neue Normen.
Online, offline, wie’s gefällt,
wer sind die Schönsten auf der Welt?

 

Schon sind’s nicht mehr nur Raritäten,

die schwer erhältlich noch zuvor,
auch Billigmasse an Diäten,
bringts virtuelle Netz hervor.
Online, offline, wie’s gefällt,
wer sind die Schönsten auf der Welt?

 

Zu Haus‘ im Dorf und in der Stadt,

die kleinen Läden stehen leer,
kein Mensch noch einen Blick mehr hat,
fürs finstere Schaufenstermeer.
Online, offline, weites Band,
wer sind die Coolsten im ganzen Land?

 

Ob Würstchen, Mal-Block oder Kuchen,

für jedes einen Pappkarton
aus frisch geerntet dicken Buchen,
versendet prompt mit Porto-Bon.
Online, offline, weites Band,
wer sind die Coolsten im ganzen Land?

 

Ein Virus mischt ganz plötzlich auf,

nicht online, sondern offline pur!
Ein Hoffen keimt im schnellen Lauf
auf Leben in und mit Natur.
Online, offline, wie’s gefällt,
wer sind die Stärksten auf der Welt?

 

Doch nicht zu kleinen Zärtlichkeiten

drängt’s notgebremsten Wirtschaftswahn
mit digitalen Glückseligkeiten,
bis auf Grund läuft der humane Kahn.
Online, offline, wie’s gefällt,
wer sind die Stärksten auf dieser Welt?

 

Carmen Hoyer, 29.05.2020


18 fantasie und wirklichkeit


Es braut sich heuer was zusammen

im großen klaren Glasballon
aus Zitronen-Brause-Tabletten
in Wasser, Öl und vielen Farben
zu fesselnder Fasson.

Zuerst ein Säuseln noch recht leise,
ein Blubbern schwillt ganz sanft nach droben.
Schon kann man sehen reihenweise
die Bläschen-Perlenketten-Reise
ersteigend steil nach oben.

Doch dorten wird bereits gerangelt,
der Aufstieg wird hier bald zur Hatz,
die Reaktion wird immer schneller,
zieht all die Kleinen in den Keller,
manch‘ große Blase platzt.

Jetzt fängt es richtig an zu brodeln,
fast Lava-Lampen-Strömen gleich
beginnt die Wallung nun zu modeln
in rasend schäumend vielen Kugeln
den Sog ins traumhaft‘ Reich.

Es wogt hinauf und stürzt nach unten:
Ist’s Wasser, Brause oder Öl?
Was treibt die Massen zu den bunten
Turbulenzen und den Lunten
in all dem wabernd‘ Gel?

Gefräßig walkt’s im dichten Schaum,
allmählich wird die Suppe trüb‘:
Dahin entschwindet jener Traum.

Zerflossen breit im ganzen Raum

ein milchig‘ Nebel blieb.

Carmen Hoyer, 24.05.2020


17 kokon, kokon

Es ist die Zeit des Sonnenscheins,

des frischen Grüns, der Blütenkerzen:
Hinaus auf‘s Land, in Wald und Flur!
Verdrängt die Sorgen in den Herzen!
Kokon, Kokon.

So fahren sie erwartungsvoll,
geschützt in Blech und Glas und Plast:
Die kleinsten Zellen der Gesellschaft
so toll und frei und ohne Hast.
Kokon, Kokon.

Grad‘ aus, dann rechts und wieder links
gelingt’s, dem Chaos zu entkommen,
schon ist die Autobahn in Sicht,
als Stau ihnen die Vorfreude genommen.
Kokon, Kokon.

Ganz plötzlich ist sie wieder da,

die Wut, die Angst, Melancholie;
seit Monaten schon lahmt das Land,
erstarrt in weiser Lethargie.
Kokon, Kokon.

Warum, weshalb, wieso, woher

kam dieses Virus über sie
und wüted über’n Erdball schwer,
bremst alle aus wie nie.
Kokon, Kokon.

Es hieß doch immer laut und grell:

Viel Wachstum, Wohlstand und noch mehr,
höher, weiter und zwar schnell,
egal, ob Wald und Meere leer.
Kokon, Kokon.

Grenzen dicht, Regale leer,

Konzert und Schule über Netz,
kein Fußballspiel, kein Flugverkehr,
doch Online-Handel um so mehr.
Kokon, Kokon.

Doch schon ruft’s Zweifler auf den Plan,

ob’s wirklich diesen Virus gibt,
der Menschen aus der Lebensbahn
hinauswirft oder nur so wirkt?
Kokon, Kokon.

Masken runter, Masken rauf,

wann zeigt das Virus sein Gesicht
für den, der es verhindert
oder dem, der’s ignoriert?
Kokon, Kokon.

Währenddessen ungeachtet

Pflanz‘ und Tier und Luft und Land
erholen sich ganz unerwartet
von des Menschen schöpfend Hand.
Kokon, Kokon.

Sogar ein paar der Erdenbürger

hoffen still oder zu zweit,
dass manch‘ neue Abstandsregel
doch so bliebe alle Zeit.
Kokon, Kokon.

Indessen sind sie angekommen,

entflieh’n dem faradayschen Käfig
und strömen fast noch wie benommen
in’s Café, doch kleiner zahlenmäßig.
Kokon, Kokon.

Im Friedwald an der großen Eiche

gedenken sie der treuen Ahnen,
die mit ihrem verblich’nem Geiste
zu Liebe und Zusammenhalt mahnen.
Kokon, Kokon.

Dann fahren sie berauscht vom Frühling

mit off’nem Sinn und neuem Mut
zurück zum großen Autobahnring
und warten: Alles wird gut.
Kokon, Kokon.

Carmen Hoyer, 18.05.2020


16 Mein liebster faselbock

Es ist einmal ein Faselbock,
der bockt von früh bis spät,
und wenn er mal zur Ruhe geht,
funkt er mit and'rem Gerät.

Du, mein liebster Faselbock,
was schaust' so traurig drein,
die Hörner und das Faselg'rät
sind eh schon balde mein.

Drum pack' den Faselbock ich nun
mit Händen und mit Herz,
an Hörnern und dem Hinterteil
und fas'le einen Scherz.

Carmen Hoyer, 14.08.2019


15 Dezember

Blauschwarze Nacht

draußen. Und drinnen
Tannengrün und Lichterglanz.
Roter Wachs, tropfend         
auf ein geöffnetes Buch    
mit wohlig riechenden Lettern.
Papierseiten, bedruckt       
voller verheißungsvoller Noten,  
erklingend in friedlichen Weisen.
Lebkuchenfrauen    
und Schokoladenmänner  
und Wichtelkinder.
Ein Haus mit Ofen.    
Familie.

 

Carmen Hoyer, 22.11.2018


14 November

Taubenblaue Schwere

Am Horizont ein Vanillestreif
Silhouettenhafter Wald
Mit Sonne
Als weißgelber Scheinwerfer
Blattloser Strauch
Ehemals Geborgenheit
Verfallender Schuppen
Leuchtende Ferne
Schattige Ruhe
Vor dem Inferno

Carmen Hoyer, 21.11.2018


13 Endlich

Endlich ist dieser Sommer vorbei.
Wie eine Feuerbrunst walzte die dröhnende Hitze alles Saftige nieder.

Gewitter nur in Form von Krebsgeschwüren.

Erst die Altweiber ließen endlich wieder ein junges Glück mit prächtigem Schleier zu.

 

Mein Haltgriff ein in die Jahre gekommenes Handy.

Du. Du verlorst deine Familie - ich mein Land.

Kunstvoll versuchst du, aus zwei gebrauchten Stühlen

ein bequemes Sofa zu zimmern.

Stur male ich mir aus, dein neuer Hafen zu sein,

in welchem noch immer die Trostlosigkeit der Vorwende ankert.

 

Endlich ist dieser Sommer vorbei.

Ich freue mich auf den Herbst.
Ich freue mich auf dich.

So sehr.

 

Carmen Hoyer, 28.09.2018


12 Die Insel

Du wünschst dir die Insel?

Tu‘ das nicht!
Dich ängstigt die Insel?
Sei froh!
Du beklatschst die vielen Baustellen?
Zügel dich!
Du verfluchst die eine Baustelle?
Sei Glücklich!
Du scheltest mich unbelehrbar?
Liebe mich.

 

Carmen Hoyer, 11.05.2018


11 Wundervolle Gedanken

Wundervolle Gedanken,

mein Sehnen ist dem deinen gleich.

Das Herz fühlt den Weg der Liebe

durch Ödnis und Beliebigkeit.

 

Spiegelungen in allen Farben

tragen uns, dich und mich,

eng umschlungen auf weiten Wellen

vom Heute in das Morgen.

Carmen Hoyer, 10.05.2018


10 Vernetzt

Es war einmal ein Mann,

der hatte g’rad nichts an.
Dann sah er in den Spiegel,
nahm schnell zur Hand den Tiegel
Und hielt davor ihn dann.

Damit die Traumfrau, welche
er vornimmt sich in Bälche
zu treffen ganz manierlich,
angeblich unwillkürlich,
nichts vorher sehen kann.

Er chattet, liest und postet,
kurzzeitlich er auch prostet,
verbringt mit ihr fast jeden Tag
grad so, wie er es gerne mag,
gedanklich als ihr Mann.

Er wählt nun für den großen Tag,
der hoffentlich bald kommen mag,
ein Hemd, die Hose und Jackett,
um auszusehen richtig nett,
im Internet per Tan.

Welch Segen ist dies große Netz;
es liefert alles hier und jetzt.
Nichts muss er außer Haus besorgen,
selbst rote Blumen sind zu borgen.
Erspart bleibt jeder Run.

Doch um die Liebste live zu seh’n,
müsst‘ er nun auf die Straße geh’n.
Bloss wie nochmal um Gottes Wollen?
Sein Schlüssel für die Tür verschollen!
Drum knipst er’s Fernseh’n wieder an.

Carmen Hoyer, 06.04.2018


9 Bedrohter Frieden

Tyrannen wähnen sich oft irrtümlich als Herrscher:

Dabei sind sie nur eine verunglückte Posse der Historie


Herren fühlen sich oft irrtümlich als Könige:

Dabei sind sie nur willenlose Sklaven ihrer Triebe

 

Machos glauben sich oft irrtümlich als Generäle:

Dabei sind sie nur scheiternde Narren ohne Liebe

 

Gläubige dünken sich oft irrtümlich als Propheten:

Dabei sind sie nur blinde Passagiere ohne Papiere


Carmen Hoyer, 04.01.2018


8 Jugend

Die Jugend ist wie ein unbeschriebenes Blatt ihrer inneren Seelen.
Erst im Alter widerspiegeln sich diese in ihrem Äußeren.
Und manchmal ist vor zu viel Äußerem der gute Kern kaum noch sichtbar.
Dann hilft nur lernen, um das wertvolle Innere wieder zu finden.

Carmen Hoyer, 15.10.2017


7 Ich bin still

Ich bin still,

doch voller Bitterkeit mein Herz,
dein inneres Lachen von so weit oben
erschlägt mich wie ein schwerer Stein.

Du bist ruhig,

doch voller Schwermut dein Herz,
meine äußere Leichtigkeit von so weit weg
erdrückt dich wie eine Lawine aus Daunenfedern.

Unserer beider Stärke

ist zugleich unserer beider Schwäche
Himmel und Hölle auf engstem Raum.

Ohne Liebe ein Albtraum.

 

Carmen Hoyer, 18.08.2017


6 Regen

Regen, immer nur Regen,
dieser Sommer weint Blasen auf die Straßen
Keller flutend
Dächer berstend
Bäche strömend
Bäume peitschend

Bilder, immer wieder Bilder
virtuell pompös
real verwirrend
mal zuckersüß und verführerisch
dann alles gallisch bitter ätzend

Im Herzen immer nur du
die Gedanken schreien durcheinander
manche paradiesisch
andere fratzenhaft
im Augenblick zärtlich
Sekunden später höllisch

Auf einmal legt sich der Sturm
Das Wasser fließt friedlich
die Sonne lacht am Horizont
die Liebe bleibt

Carmen Hoyer, 24.07.2017


5 Bär und Kasperine I - TRAURIGE KOMÖDIE IN VIER AKTEN

1. Akt - Küche:

Bär: "Nein, ICH will mit dir!"
Kasperine: "Nein, ICH will mit dir!"

2. Akt - Himmel-Hoch-Bett:
Bär - oben: Siehst du - ein Meter zehn Sprungkraft aus dem Stand!"
Kasperine - unten: "Wow!"

3. Akt - Himmel-Hoch-Bett:
Kasperine: Auf der heran geschleppten Leiter endlich oben.
Bär: Weg, verschwunden.

4. Akt - Küche:
Kasperine - in der Tür stehend: "Wieso bist du denn schon wieder unten?"
Bär - auf dem Küchenstuhl thronend: "Kennen wir uns?"

Und wenn sie nicht gestorben sind, so üben sie noch heute…

Carmen Hoyer, Januar 2016


4 Du Frierst

Du frierst.
Mit Flüssigprozenten versuchst du,
dich aufzutauen.
Meine Wärme macht dich lebhaft,
aber noch bist du nicht sicher,
ob du das Feuer zähmen kannst.
Aus Ungewissheit möchtest du es manchmal löschen.

Ich glühe.
Mit Theater versuche ich
herunterzufahren.
Deine Kühle gibt mir Gelassenheit,
aber noch überwiegt die Angst,
vielleicht in Kälte zu erstarren.
Aus Unsicherheit möchte ich manchmal entkommen.

Humor zaubert Lichter aus den Steinen im Weg.
Zweimal über fünfzig machen ihn spannend
und überhaupt erst begehbar.
Froh, dass du ihn mir zeigst.

Carmen Hoyer, 05.12.2015


3 ARCHIBALD oder „Denn ganz oben ist der Appetit besonders groß“

Und hier ist Archibald mit der kleinen weißen Blume, der beschlossen hat,

sein Glück selbst in die Hand zu nehmen.
Der Enge und Dunkelheit seiner Behausung, die eher einem Erdloch ähnelt, will er den Rücken kehren, um den höchstmöglichen Platz an der Sonne zu erklimmen, wovon er schon immer geträumt hat.

Zwar ist es unter seinesgleichen immer wohlig und kuschelig, aber die Mahnungen seiner hoppelnden Brüder und Schwestern, nur zusammen seien sie den räuberischen Angriffen aus heiterem Himmel gewachsen, dröhnen inzwischen tinnitusartig in seinen langen Ohren.

Da er sehr gut springen kann und um die eine oder andere Klippe einen kurzen Haken schlägt, kommt er zunächst ganz gut voran. Doch je höher er aufsteigt, desto mehr Skelettteile behindern seinen Weg. Aber endlich ist er ganz oben bei ihnen:

Den Majestäten mit dem Privileg, sich fast ausschließlich fliegend fortzubewegen,
den Mächtigen, deren scharfem Blick kein einziges Hasenherz entgeht!
Erschöpft, jedoch voller Begeisterung ob der grandiosen Aussicht erfragt er bei den gefiederten Königen der Lüfte, was es denn Essbares bei ihnen gäbe -
denn ganz oben ist der Appetit besonders groß!

Carmen Hoyer, 25.02.2015, vertont als Hörspielfabel


2 Bruno oder Die Gerissensten sind auch am Tage grau

Und wieder wurde eine gefunden,

sorgfältig ausgeweidet, in spärlichem Lampenlicht liegend,
als Symbol machtloser Unterlegenheit,
früher vielleicht einmal, was man als scharfes kleines Mäuschen benannt hätte?
Doch vom Täter wie immer keine Spur.

Herausberstendes Polstergewölle,
tiefe Kratzspuren auf allen Möbeln als Zeichen der Verachtung zivilisierten Verhaltens,
abgetrennte Körperteile,
früher vielleicht einmal, was man als flotten Nachtschwärmer bezeichnet hätte?

Zwei gelbe Lichtblitze, anschließend abermals Finsternis.
In der Nachbarschaft wieder und wieder
geraubt, gestohlen, gemordet.
Da plötzlich taucht er auf:
In elegantem Grau, mit geschmeidigem Gang, dem charismatischen Blick,
auf leisen Ledersohlen und der Dreistigkeit, einen echten Pelz zu tragen.

Und so betört und beschwichtigt er die erhitzten Gemüter.
Und wie immer sind schließlich wieder alle von ihm begeistert:
Bruno, der Starke,
vom Geschlecht der Britisch Kurzhaar -
denn die Gerissensten sind auch am Tage grau!

Carmen Hoyer, 15.02.2015, vertont als Hörspielfabel


1 In den Sommer

In den Sommer fliegen wir,

fliegen wir fort von hier.
In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir von mir zu dir:

Über Hügel, Auen, Wiesen, Felder,
grünes, weites Land,
in den Dünen vor dem Meer
landen wir im weichen Sand.

In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir fort von hier.
In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir von mir zu dir:

Über Flüsse, Täler, Städte, Dörfer,
gleiten mit dem Fön,
zwischen Edelweiß und Tann‘
landen wir auf Berges Höh’n.

In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir fort von hier.
In den Sommer fliegen wir,
fliegen wir von mir zu dir:

Bist du heut’ auch hinter’m Horizont
und findest dort dein Glück,
so denk‘ ich noch gern an dich
doch flieg‘ ich zu mir zurück.

Carmen Hoyer, Februar 2014, vertont als Lied