Alte Sorten

Hänschen klein, ging allein

in den Supermarkt hinein.
Maske auf, Korb geholt,
ins Geschäft gesohlt:
Blumenkohl, ganz makellos
mit Tomaten, gleichsam groß,
Fleischkonserv‘: Falsche Mark‘,
kauft er eben "Quark".

Lieb‘ Mama, ich bin da,
ruft der Hans mit Tralala:
Schau mal her, ist nicht fair,
denn dein Geld ist leer.
I-Pad, I-Phon, E-Mobile,
Beamer, Scooter, Streamerdeal;
alles, was dein und mein
Herz so sehr begehrt.

Hans, was fällt dir bloß ein?
Soll das jetzt ein Scherz wohl sein?
Speisen wir jetzt und hier
die Gerät‘ dafür?
Aber Mama, nicht doch, nein!
Hör‘ doch ganz schnell auf zu wein‘!
Kohlkopf weiß, Rispen rot,
war’n im Angebot.

Hansilein, das ist fein,
gleich kommt’s in den Topf hinein.
Deck schon mal ein, den Tisch,
für das Festmahl, frisch.
Doch, was ist das, welch ein Graus,
will nicht garen heut‘ im Haus!
Alles fad, nichts verführt,
riecht, wie unverrührt.

Lieb‘ Mama, schau mal her,
nimm doch einfach Würze mehr:
Pfeffer, Salz, Paprika,
edelsüß und scharf.
Alle Leute wissen schlicht,
dass Geschmack sich rechnet nicht.
Darum gibt’s nährstofflos
das Hybrid-Gemobst.

Hänschen klein, Kinde mein,
wirst doch nicht von Sinnen sein?
Fieberst laut, Sand gebaut,
Zukunft unvertraut:
Was soll’n wir denn auf der Welt,
wenn wir essen nur noch Geld?
Darum fleh‘ ich zu dir,
komm zurück zu mir.

Lieb‘ Mama, ich bin doch
heute wie auch morgen noch
auf der Welt, wie’s gefällt,
Hauptsach‘ ist das Geld.
Willst du das denn nicht versteh’n:
Billig, Geizig, das ist schön,
Überfluss und Verdruss,
jeder mal geh’n muss.

Hänschen klein, lass das sein!
Geht’s in deinen Kopf nicht rein?
Alte Sort‘ statt Hybrid
hält gesund und fit.
Bring den Krimskrams schnell zurück
und versuch‘ erneut dein Glück.
Geh‘ zu fuß, sing‘ ein Lied,
hol‘ ins Haus die Lieb‘.

Lieb‘ Mama, ich bin da,

denk‘ an dich, wie’s früher war,
als du noch bukst und brietst.
In der Küche riechts:
Steigt ein Duft die Nas‘ empor,
gleich betörend wie Amor.
Klingelts jetzt an der Tür:
Hoff‘, die Speis‘ verführ‘.

Carmen Hoyer, 28.06.2020