Kokon, Kokon

Es ist die Zeit des Sonnenscheins,

des frischen Grüns, der Blütenkerzen:
Hinaus auf‘s Land, in Wald und Flur!
Verdrängt die Sorgen in den Herzen!
Kokon, Kokon.

So fahren sie erwartungsvoll,
geschützt in Blech und Glas und Plast:
Die kleinsten Zellen der Gesellschaft
so toll und frei und ohne Hast.
Kokon, Kokon.

Grad‘ aus, dann rechts und wieder links
gelingt’s, dem Chaos zu entkommen,
schon ist die Autobahn in Sicht,
als Stau ihnen die Vorfreude genommen.
Kokon, Kokon.

Ganz plötzlich ist sie wieder da,

die Wut, die Angst, Melancholie;
seit Monaten schon lahmt das Land,
erstarrt in weiser Lethargie.
Kokon, Kokon.

Warum, weshalb, wieso, woher

kam dieses Virus über sie
und wüted über’n Erdball schwer,
bremst alle aus wie nie.
Kokon, Kokon.

Es hieß doch immer laut und grell:

Viel Wachstum, Wohlstand und noch mehr,
höher, weiter und zwar schnell,
egal, ob Wald und Meere leer.
Kokon, Kokon.

Grenzen dicht, Regale leer,

Konzert und Schule über Netz,
kein Fußballspiel, kein Flugverkehr,
doch Online-Handel um so mehr.
Kokon, Kokon.

Doch schon ruft’s Zweifler auf den Plan,

ob’s wirklich diesen Virus gibt,
der Menschen aus der Lebensbahn
hinauswirft oder nur so wirkt?
Kokon, Kokon.

Masken runter, Masken rauf,

wann zeigt das Virus sein Gesicht
für den, der es verhindert
oder dem, der’s ignoriert?
Kokon, Kokon.

Währenddessen ungeachtet

Pflanz‘ und Tier und Luft und Land
erholen sich ganz unerwartet
von des Menschen schöpfend Hand.
Kokon, Kokon.

Sogar ein paar der Erdenbürger

hoffen still oder zu zweit,
dass manch‘ neue Abstandsregel
doch so bliebe alle Zeit.
Kokon, Kokon.

Indessen sind sie angekommen,

entflieh’n dem faradayschen Käfig
und strömen fast noch wie benommen
in’s Café, doch kleiner zahlenmäßig.
Kokon, Kokon.

Im Friedwald an der großen Eiche

gedenken sie der treuen Ahnen,
die mit ihrem verblich’nem Geiste
zu Liebe und Zusammenhalt mahnen.
Kokon, Kokon.

Dann fahren sie berauscht vom Frühling

mit off’nem Sinn und neuem Mut
zurück zum großen Autobahnring
und warten: Alles wird gut.
Kokon, Kokon.

Carmen Hoyer, 18. Mai 2020